Neues aus Waslala
Hola, mis amigos,
nach längerer Zeit (“Die Zeit vergeht viel zu schnell!”) melde ich mich einmal mehr bei Ihnen und euch, um das Neueste aus Waslala zu berichten.
Ein Blick zurück lässt mich auf unzählige Erfahrungen zurückschauen, die – ob positiv oder negativ – bereichernd waren. Ich arbeite weiterhin mit der Bildungspastoral zusammen, mit der ich in der nächsten Woche eine Fortbildung für alle 95 Lehrer, finanziert mit Spendengeldern aus Emmerich, durchführen werde. Mit den Mitarbeitern bin ich gut befreundet. Außerdem gebe ich weiterhin Englisch-Klassen, was mir auch bei unstetiger Beteiligung der Schüler viel Spaß bereitet.
Das Leben in Waslala macht wegen der vielen netten Menschen, die ich in dieser kleinen Stadt kennen lernen durfte, viel Freude!
Gestern bin ich aus Bluefields an der Karibikküste zurückgekehrt, wo ich mit dem amerikanischen Priester Tony eineinhalb Wochen lang durch die Kirchengemeinden der indigenen Bevölkerung gereist bin, was mir sehr viele Einblicke in die Kultur der Miskitos, Ramas etc. gebracht hat. Die Messen haben wir dabei immer in Englisch abgehalten. Über die Reise werde ich in der NRZ berichten!
Im Februar sind Hannah und ich zum weltwärts-Zwischenseminar nach Cuernava in Mexiko gereist. Das einwöchige Seminar war die Gelegenheit, sich mit anderen deutschen Freiwilligen, die hauptsächlich in Mexiko arbeiten, über seine Erfahrungen und Projekte auszutauschen. Ich fand dieses Seminar hilfreich, da ich durch die Seminarbegleiter und -teilnehmer noch einmal einen anderen Blickwinkel auf meinen Auslandsdienst erhalten habe. Toll war es, einige Mitbringsel aus der Heimat zu genießen: An erster Stelle steht da das gute Graubrot, was man hier in Nicaragua nicht findet. Den “Spiegel” durchzublättern, war natürlich auch nicht schlecht.
Im Dezember ist Alessia, eine 23-jährige Italienerin aus Verona gekommen, die ein Jahr in Waslala bleiben wird. Eigentlich wäre sie jetzt schon wieder zu Hause. Ihr gefällt es aber sehr gut, sodass sie ein “wenig” verlängert hat.
Jean, der brasilianische Freiwillige, ist mittlerweile wieder nach Brasilien zurückgekehrt, wo er plant, mit abgeschlossenem Jura-Studium (!!!) Theologie zu studieren.
Wenn ich nach vorne schaue, denke ich natürlich an meine Rückkehr nach Deutschland Ende Juli, auf die ich mich schon freue! Ich möchte die letzten Monate in Waslala nutzen. Die Zeit, die am Anfang nicht vergehen wollte, rast nun dahin! Ich freue mich sehr auf den Besuch meiner Eltern im Mai!
Als ich im Dezember erfuhr, dass Simon Essink, der sich gerade im Abi-Endspurt am Willibrord-Gymnasium befindet, mein Projekt zusammen mit Friederike Huhn aus Münster fortführen wird, war ich sehr froh! Ich weiß, dass er sich total freut. Er schreibt mir immer schon auf Spanisch! Respekt!
Heute ist Weltfrauentag. Das Frauenhaus, in dem Hannah arbeitet, wird auf die Straßen gehen, um gegen die unzähligen Vergewaltigungen in Waslala die Stimme zu erheben. Ich werde teilnehmen, weil ich denke, dass es wichtig ist, dass hier ein Umdenken bei den Männern stattfindet. Der Machismus ist in Nicaragua immer noch zu stark.
Unerlässlich ist, dass die betroffenen Frauen Gerechtigkeit erfahren und die Schuldigen verurteilt werden – was leider viel zu selten passiert.
Ganz wichtig: Ich möchte allen die Benefizveranstaltung „Hoffnung 2011“ am 24. März um 19 Uhr im Willbrord-Gymnasium, Hansastraße 3, ans Herz legen. Sie können für die Projekte in Ghana und Nicaragua spenden und gleichzeitig ein unterhaltsames Abendprogramm genießen. Die Benefizveranstaltung, die Frauke und ich vor zwei Jahren zum ersten Mal organisiert haben, wird auch in diesem Jahr in guter Tradition von Schülern der Jahrgangsstufe 12 organisiert. Ich werde in Gedanken an diesem Abend in Emmerich sein!Liebe Grüße und saludos in die HeimatTobias
Mitmenschen
Mitmenschen- (Ein paar Gedanken aus Ghana)
An wen denkst Du, wenn man von Deinen Mitmenschen spricht? Stelle Dir vor, ich frage Dich : „Wer sind deine Mitmenschen?“ Was würdest Du mir antworten? (…)
Sind wir nicht alle Menschen? Sind wir nicht alle Menschen, unabhängig von dem Ort an dem wir leben? (…)
Der Mensch ist bunt. Er ist schwarz, oder weiß, oder gelb- oder auch rot vor lauter Sonnenbrand. Sind wir nicht alle Menschen? Sind wir nicht alle Menschen unabhängig von unserer Hautfarbe? Sind wir nicht alle Menschen, unabhängig davon, ob uns ein paar Münzen fehlen, um nicht hungrig ein zu schlafen oder es uns übel ist, weil wir zu viele Big Macs bei Mc Donalds gegessen haben? Sind wir nicht alle Menschen? (…)
Ob blind, oder stumm, dick oder dünn, erfolgreich oder verträumt, sprachlos oder hilfsbereit, ziellos oder trauernd, frierend oder schwitzend, gläubig oder abgestumpft. Wir sind alle Menschen. (…)
Nun, (…) Dein Mitmensch. Jemand der mit dir Mensch ist! Die Nachbarin, die du jeden morgen grüßt bevor du zur Schule gehst, da sie die Zeitung aus den Briefkasten holt ist mit dir Mensch. Die Frau, die vor dem Sonnenaufgang in der Ferne aufsteht, um zur Farm zu gehen – da sie probiert ihre fünf Kinder alleine zu ernähren, aber noch unwissend ist, ob ihr dies gelingt… ist mit dir Mensch. (…)
Sind wir nicht alle Menschen? Sind wir nicht alle Mitmenschen?
Eine Momentaufnahme
Momentaufnahme – Ein „älterer“ Eintrag in meinem Notizbuch vom 01.11.10
„Heute haben wir an der Schule in Nsuta das erste Mal spontan nach der Schule Fußball gespielt. Lea und ich sind einfach an der Schule vorbeigelaufen & haben den Ball, den wir für solche Aktivitäten gekauft haben, mitgenommen. Mit den Mädels (einige Schülerinnen) haben wir zwei Teams gebildet. Dann haben Lea´s und mein Team gegeneinander gespielt. Die halbe Schule hat zugeguckt und die Mädels waren ganz fleißig und ehrgeizige Spielerinnen- aber vor allem hatten sie Spaß! Die anderen Kinder, die zugeguckt haben, haben uns angefeuert. Einer von ihnen war Schiedsrichter und einer Radiosprecher. Die Mittagssonne knallte, sodass ich später alle meine verschwitzten Klamotten aufhängen musste. Aber das war egal- ich musste das ganze Spiel über lächeln. Lea & die Mädels auch… Beim Nachhause gehen musste ich lachen, weil ich mir dachte, dass die ganzen ghanaischen Leute auf dem Weg vielleicht denken: „ Die Weißen vertragen scheinbar nicht die afrikanische Sonne. Deshalb schwitzen sie so- aus allen Poren.“ Lustige Vorstellung! Also, es war echt schön! Achja, das Endergebnis war 0:0 ! Es war etwas chaotisch…“
¡Feliz Navidad!
NUN ist es soweit: Das Fest der Feste steht vor der Tür. Während Sie und ihr in den letzten Wochen durch Schneestürme, Weihnachtsmärkte und Glühweinkonsum in richtige Weihnachtsstimmung gekommen sein müsst, macht sich das so typische Weihnachtsambiente, das ich aus der Heimat kenne, hier in Nicaragua rar. Es gibt zum Beispiel zwar Weihnachtsbäume. Sie sind dann aber meist aus Plastik und rattern in hässlichen Farbtönen die Melodie von “Jingle Bells” herunter.
Es scheint mir, als ob Weihnachten im christlichen Nicaragua eine andere Verpackung hat, der Inhalt aber gleich bleibt. Ob ich nun in Emmerich oder Waslala am Heiligen Abend in die Kirche gehe: Ich glaube doch an das gleiche Wunder.
Es mag sein, dass wir Weihnachten mit unterschiedlichen Wünschen für unsere Familien und für unser Leben verbinden, doch im Grunde sind wir an Weihnachten alle gleich, denn wir teilen die Sehnsucht nach Frieden, Solidarität und Eintracht.
Ich möchte mittels dieser E-Mail meiner Familie, meinen Freunden, ehemaligen Lehrern und allen, die ich kenne, ein frohes Weihnachtsfest wünschen.
Viele kennen die Liedversion von “Frohe Weihnachten” auf Spanisch: “Feliz Navidad”.
Feliz navidad
Feliz navidad, próspero año y felicidad
Frohe Weihnachten
Frohe Weihnachten, ein gutes neues Jahr und Glück
Den Wünschen kann ich mich nur anschließen.
Pünktlich zum Fest darf ich berichten, dass ich die ersten Spendengelder in meinem Projekt eingesetzt habe. Mit enormer finanzieller Unterstützung des Lions Clubs Emmerich-Rees und Spenden, die ich bei der Benefizveranstaltung am Willibrord-Gymnasium im letzten Februar sammeln durfte, konnten wir insgesamt 80 (davon 45 durch den Lions Club finanzierte) ”pupitres”, also Stühle mit integrierter Schreibfläche, für zwei Dorfschulen in den Bergen anschaffen. Des Weiteren veranstaltete ich mit der Bildungspastoral einen Workshop zur Verbesserung des Bildungssituation in den Bergen rund um Waslala. Einen ausführlichen Bericht über die Aktivität hänge ich an. Einige Spendengelder sind auch schon in Materialen (Hefte, Kopien, CD-Player) für meine Englisch-Kurse geflossen. Des Weiteren werden wir mit den Bewohnern des Altenheims eine Weihnachtsfeier veranstalten und ihnen nützliche Lebensmittelartikel wie Seife oder Klopapier schenken.
Ausdrücklich möchte ich der Emmerich Garde rund um Prinz Momo I. und Prinzessin Christa I. danken, die auf dem Emmericher Weihnachtsmarkt am 12.12.2010 tolle Monopoly-Spiele zu Gunsten meines Projekts verkauft hat. Die Emmericher Version des berühmten Gesellschaftsspiels scheint wohl der absolute “Renner” zu sein! Nachbestellungen gibt es zuhauf! http://www.derwesten.de/staedte/emmerich/Emmerich-steht-zum-Verkauf-id4031703.html
Mein Dank gilt auch der Baugesellschaft Geerling + Berndsen mbH, die dieses Jahr den Mitarbeitern keine Präsente geschenkt, sondern das Geld für mein Projekt zur Verfügung gestellt hat.
Falls Sie oder ihr einen finanziellen Beitrag zur Verbesserung der Situation in Waslala oder auch in Ghana leisten möchten: Die Modalitäten finden sich unter http://emmerichgehtweltwaerts.4geerlings.de/?page_id=32.
Frohe Weihnachten, Joyeux Noel, Feliz Navidad, Merry Christmas und Vrolijke Kerstmis
Tobias
Wie abgestumpft sind wir?
Frage: Wie abgestumpft sind wir? (Du & ich)
Diese Frage geht mir nicht mehr aus den Kopf. Wie abgestumpft sind wir eigentlich in „Zeiten wie diesen“? Auf der Rückfahrt von Accra zurück nach Nsuta saßen wir ganz hinten in dem mit Menschen voll gestopften Kleinbus. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Ghana zu reisen ist eine interessante Geschichte. So wird eine Taxifahrt täglich zu einem eigenen Abenteuer. Die meisten Taxis und Kleinbusse in Ghana sind bekannter Weise solche, die in Ländern wie z. B. Deutschland und Co. (auch wenn ich den Begriff nicht mehr wirklich mag- aus den so genannten :“Erste Welt- Ländern“) als nicht mehr sicher eingestuft worden. Man kann sich also vorstellen, dass man manchmal in Autos sitzt, die ein bisschen so aussehen, als würden sie jeden Moment in ihre Einzelteile zerbrechen. Man quetscht sich dann in dieses Auto mit so vielen Menschen, wie nur möglich & kurvt gemeinsam über die „Straßen“ Ghanas. (Bei jeder zweiten Taxifahrt kriegen wir einen Heiratsantrag- entweder von einem anderen Fahrgast- oder eben von dem Fahrer selber.) Manchmal findet man ein paar Straßen, die vielleicht ähnlich wie die „Straßen“ sind, wie „wir“ sie kennen. Generell sind die „Straßen“ eher Wege, mit vielen Löchern. Verkehrsschilder braucht man normaler Weise auch nicht, man fährt eben da wo Platz ist & falls da kein Platz ist, hupt man halt ein paar Mal. (Auch wenn wir vor einigen Wochen mal Ampeln in Ho /einer größeren Stadt in der Volta Region (ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht sogar die Größte, die man in der Region findet) Ich hatte schon fast vergessen, wie so eine Ampel funktioniert.) Wir machten uns also auf die Reise zurück zu unserem Zuhause- meistens brauch man von Accra aus für diese 250 Kilometer 5-7 Stunden (Man weiß es aber nie so genau.) Nichtsdestotrotz – worauf ich hinaus möchte: Während des Rückwegs erstarrten viele Personen in dem Kleinbus. Ich war verwirrt und probierte aus dem Gesicht von Francis (einem Freund) zu lesen, wieso plötzlich diese bedrückende Atmosphäre entstand. Dieser schaute bedrückt aus dem Busfenster- ich folgte seinem Blick- und sah einen toten, jungen Mann am Straßenrand liegen. Wegen der schlechten Verkehrslage gibt es natürlich dementsprechend auch leider viel zu häufig tödliche Unfälle. Ich sah weg. Einige Minuten vergingen. Einige Busreisende diskutierten aufgeregt, wie der Unfall wohl zustande gekommen ist- andere schwiegen- so wie Lea und ich. Wir schwiegen uns einige Minuten an. Dann fragte Lea mich, ob ich irgendetwas fühle. Ich zog die Augenbrauen verunsichert hoch. „Was fühlst du?“ Ich antwortete, dass ich es nicht genau wüsste. Daraufhin sagte sie einen für mich sehr entscheidenden Satz: „Manchmal frage ich mich, ob wir nicht schon durch die Medien total abgestumpft sind. Wir nehmen so viel, was wir sehen hin, ohne wirklich trauern zu können.“ „Ich weiß, was du meinst“, hatte ich ihr geantwortet. Mir wurde klar, dass dies einer der vielen Gedanken ist, die mich nun seit einigen Monaten begleiteten. Manchmal frage ich mich, wie die Welt sich bei diesem Ungleichgewicht überhaupt so unbeschwert um die eigene Achse drehen kann. Ich konnte dem nur keinen wirklichen Namen geben – es war etwas was mich verwirrte: Der seltsame Umgang mit Armut und den Dingen, die wir nun sehen- nicht nur auf Bildern. Man weiß es, dass es Kinder gibt, die nichts zu essen haben. Man weiß, dass die Regenwälder weiter abgeholzt werden. Man weiß, dass es Kinder gibt, die gerne lernen würde- aber sich keinen Kugelschreiber leisten können, um sich im Unterricht Notizen zu machen. Man weiß von Krankheiten wie Aids / Malaria und co- mit all dem was so viele Menschen mit Afrika als erstes in Verbindungen bringen. Man weiß es eben. Auf Vorbereitungsseminaren wurden wir darauf vorbereitet, Wege zu finden, damit um zu gehen – direkt konfrontiert zu werden. Es geht dann um Selbstschutz / „Man kann die Welt nicht verändern.“ Aber wieso dieser Selbstschutz? Kann man sich zu stark selbst schützen vor unserer eigenen Realität? Manchmal wenn ich mich mit Mädchen in meinen Alter unterhalte frage ich mich, was aus ihnen geworden wäre, wären sie in meiner Haut in Deutschland geboren worden und ich in ihrer Haut in Ghana. Aber diesen Gedanken verwerfe ich dann schnell wieder- der Selbstschutz eben: „Die Welt ist eben nicht fair.“ Was genau spricht dagegen zu trauern? Ab wann ist es nur ein „mit sich selbst im Reinen sein“- wenn wir uns sagen, „So ist die Welt“- und mit welchen Maß können wir beurteilen, was es bedeutet- Mitgestalter „unserer Zeit“ zu sein?
Wie schaffen wir es unbeschwert jeden Tag einzuschlafen- nachdem wir Nachrichten geschaut haben? Wir sehen uns in Kurzfassung etwas über Naturkatastrophen, Kriege, Terror und… und … und an…
Danach kommt dann der Sportteil- achja und nicht zu vergessen, am Ende folgen die Lottozahlen.
Meine Frage bleibt unbeantwortet… Wie abgestumpft sind wir?
Begegnung
Begegnung
Nach zwei bunten, langen Monaten – kann ich schon ehrlich sagen: wir haben sehr viel erlebt! Da unser Internet so gut wie gar nicht mehr funktioniert, kann ich leider nicht regelmäßig, etwas auf dem Blog veröffentlichen, aber ich bemühe mich bei Gelegenheit immer mal wieder ein bisschen etwas zu erzählen…
Die Frage ist nur, wo soll ich anfangen. Ich probiere mich auf ein paar ganz interessante Erlebnisse zu konzentrieren. Da wir in den letzten Wochen ziemlich viel Zeit in den Schulen, und bei den Kindern & Jugendlichen zuhause verbracht haben- sind wir natürlich auch auf viele ergreifende Menschen und Geschichten gestoßen. Ich möchte gerne von einem Mädchen erzählen. Vor einer Woche hatte ein dreizehnjähriges Mädchen namens Chalsey ( ich weiß nicht so genau, wie man es schreibt, nur wie man es spricht) starke Bauchschmerzen. Eine Lehrerin erzählte uns, dass man glaubt , sie sei schwanger- aber die Familie kann / möchte nicht den Schwangerschaftstest, den man im Krankenhaus machen muss, bezahlen. Der kostet hier übrigens 1-2 Euro. Ihre eigene Mutter hat sie seit über einen Jahr nicht mehr gesehen und sie weiß nicht, was diese gerade macht. Ihr wurde gesagt, dass man sie nach Accra gebracht hätte. Ihr Vater heiratete eine „neue“ Frau und interessierte sich nicht mehr für sie und ihre fünf Geschwister, die in Ghana verstreut sind. Sie ist die einzige , die von den sechs Kindern zur Schule geht. Deshalb lebt sie bei ihrer Tante.( Hier gibt es eine Schule, zu der sie gehen kann) Ihre Tante beschuldigt sie jedoch, dass sie schwanger sei, und möchte sie deshalb zurück zu ihren Großvater schicken. Chalsey erzählte uns, dass dieser jedoch sehr viel Alkohol trinken würde- und es dort keine Schule gäbe. Ihre jüngeren Brüder (6 und 12 Jahre alt) gehen beispielsweise nie zur Schule, sie arbeiten für den Großvater auf dem Feld. Chalsey möchte weiterhin zur Schule gehen(- sie gehöre auch zu den guten Schülerinnern, erklärte uns später einer der Lehrer.) Außerdem kocht der Großvater sehr selten, sie hat also meistens hungrig schlafen gehen müssen. Ihre Tante und ihr Mann, bei dem Chalsey wohnt, haben selber zwei Kinder. Beide haben jedoch keine Arbeit, sodass sie sich und die Kinder seit Wochen kaum ernähren können. Wenn Chalsey also tatsächlich schwanger sein sollte, müsse sie eben zurück zu dem Großvater, sie hatten sie vor Männern gewarnt. Da Chalsey´s Bauchschmerzen immer akuter wurden sind Lea , eine Lehrerin der Schule und ich dann schließlich doch mit ihr zum Krankenhaus gefahren. ( Die Lehrerin bezahlte den Schwangerschaftstest) Die Krankenschwester stellte fest, dass das Mädchen nicht schwanger ist. Chalsey müsse aber ein Krankenhaus mit einem Doktor, wegen ihren Beschwerden und der fehlenden Menstruation aufsuchen. Aber wer bezahlt das? Lea und ich halten uns bei solchen Geschichten stark zurück, da wir aufpassen müssen nicht als „Die Weißen, die alles bezahlen“ gesehen zu werden. Sodass wir also eher probieren, den Familien einen Weg zu legen, den sie jedoch selber gehen müssen.(Im symbolischen Sinne – versteht sich) Wir trafen uns mit der Tante und einem Lehrer, der bei dem Treffen- zwischen der Tante und uns übersetzen musste. Chalseys Tante spricht kein englisch. Wir erklärten ihr also, dass ihre Nichte nicht schwanger ist. Ihre Tante war damit einverstanden, dass sie weiterhin bei ihr wohnen darf. Wie erwartet kann sich die Familie den Krankenhausaufenthalt nicht leisten- weiterhin bleibt also unklar, was mit Chalsey Körper tatsächlich los ist. Wir sagten der Frau, dass wir Chalsey zuhause besuchen würden und gemeinsam mit ihr ihre Abschlussprüfung vorbereiten würden. Father Vincent oder Father Kofi würde uns dann auch mal begleiten. Wir erklärten ihr, dass diese professionelle Counseller sind, und sie vielleicht wegen ihrer Probleme beraten könnten. Sie bedankte sich sehr niedlich. Später im erneuten Gespräch mit Chalsey unter 6 Augen (Lea, Chalsey und ich) erzählte Chalsey uns, dass sie , wenn sie alle Möglichkeiten im Leben hätte, einen guten Beruf erlernen würde , um ihre Familie aus der Armut zu holen. Sie vermisst ihre Mutter, sagte sie. Außerdem erklärte sie uns, dass ihr aber klar wäre, dass nach diesem Jahr ihre Schulausbildung zuende wäre. Niemand könnte ihr eine der weiterführenden Schulen (secondary school) bezahlen. Ihre Tante wollte , dass sie beginnt zu arbeiten. Ich fand es ein sehr fremdes, neues, unbeschreibliches Gefühl, dass aus dem Mund eines dreizehn- jährigen Mädchens zu hören- ein trauriges Gefühl… Es tut mir leid, für sie.
Karnevalsgruß in die Heimat
Vom anderen Ende der Welt möchte ich allen Karnevalisten in der Heimat ein herzliches Helau zurufen und ihnen viel Frohsinn in der Session 2010/2011 wünschen.
Ich werde die Berichte über das frohe Schaffen in Emmerich im Internet mit großem Interesse verfolgen und während der jecken Monate hier im warmen Nicaragua den „Schmucken Prinz“ anstimmen und mich am Tulpensonntag verkleiden, um ein bisschen Karnevalsflair zu verbreiten.
Besonders viel Spaß wünsche ich der Garde rund um das Prinzenpaar Momo I. und Christa I., zu der auch meine gesamte Familie gehört!
„Dale pues! Estemos alegres!“, sagen die Nicaraguaner. Sinngemäß übersetzt heißt das: „Los geht’s! Lasst uns froh sein!“
Glaube als Antwort auf die Armut
„Die Bibel ist das Wort Gottes und das Wort des Lebens für ein Volk, das seine Befreiung sucht“ – Es sind eindringliche Worte, die am 26. September jedes Jahr durch die Straßen Nicaraguas hallen. „Gott ist ein Gott der Armen. Er wird uns nie verlassen. Lasst uns für eine bessere Welt kämpfen“, skandieren die Katholiken im ganzen Land. Der gesamte Monat September ist in Nicaragua und Lateinamerika in besonderer Weise der Bibel gewidmet. Höhepunkt der Feierlichkeiten ist der Tag der Bibel am 26. September, an dem in langen Umzügen verschiedene Verse aus dem Alten und Neuen Testament verlesen werden.
In Waslala wurde der Feiertag besonders groß gefeiert. Die drei Schwestern der Gemeinde hatten sich etwas Außergewöhnliches einfallen lassen. So besorgten sie eine Lautsprecheranlage und einen Pickup. Der wurde spontan mit weiß-gelben Luftballons geschmückt und kleine Kinder verlasen auf der Ladefläche stehend verschiedene Bibelstellen. Die Gläubigen folgten dem Festwagen in einem langen Marsch vom Altenheim zur Hauptkirche, die unmittelbar neben meinem Haus liegt.
Wie immer gab es einige Planungsschwierigkeiten, sodass sich der Umzug erst mit einer knappen Stunde Verspätung in Bewegung setzen konnte. Soweit so gut, denn auch die Polizei schien überfordert: Alles Pfeifen half nichts, als die Überlandbusse im Stadtzentrum der Prozession den Weg versperrten. Als es dann nach langer Zeit weiterging, war die Laune der Gläubigen keineswegs dahin. Im Gegenteil: Sie schien sich allmählich zu steigern und mit dem Einzug in die Kirche flammten die Gespräche wieder auf, während vorne die Band fröhliche Rhythmen zum Besten gab. Zum festlichen Anlass spielten einige Kinder Szenen aus der Bibel nach. Als die Schwester Groß und Klein aufforderte, die mitgebrachten Bibeln in die Höhe zu halten, fielen viele in einen unbeschreiblichen Trance-Zustand.
Was ich bis jetzt beobachten konnte, ist, dass die christliche Religion die nicaraguanische Identität sehr stark prägt. Selbst die Links- Regierung von Präsident und Sandinisten-Führer Daniel Ortega kommt nicht umher, zu behaupten, Nicaragua sei „solidarisch, sandinistisch und christlich“, wobei die sandinistische Partei gerne verschweigt, dass nicht jeder Nicaraguaner Anhänger Ortegas ist. Jedenfalls existiert die Trennung von Kirche und Staat nicht und es gibt auch keinen ausgeprägten Säkularismus, wie er sich besonders in Europa findet. Fast jeder läuft mit einem Kreuz um den Hals herum. Jeden Abend sind die Kirchen – ob katholisch oder Pfingstler und Adventisten – sehr voll und durch die Stadt peitscht fast unangenehm das „Lobgeschrei“ der Charismatiker, die mit Zungenreden Gott preisen. Die Menschen hier leben unter schwierigen Konditionen. Ihre Antwort auf Armut und Perspektivlosigkeit ist, so sagte mir ein Mann: „Nur ein radikaler Glaube kann uns helfen, uns zu befreien.“
Dieser Artikel ist am 07.10.2010 in der NRZ erschienen.
Augenblicke
Augenblicke
Mit offenen Auge blicken wir um uns – leben , denken, fühlen – in unseren Herzen verweilen Augenblicke. Mittlerweile leben wir seit einen Monat in einen afrikanischen Dorf namens Nsuta in der Volta-Region. Umgeben von Augen, Blicken anderer und umgeben von unseren eigenen Augenblicken. Vergangene Augenblicke in Deutschland werden in meinen Gedanken wiederbelebt. Sie schienen in Deutschland so nebensächlich. Doch nun wird mir bewusst , welche langwierige Bedeutung eine Umarmung, ein Wort oder eine Straße doch haben kann. Ein Augenblick in Ghana: Einer meiner Schüler fiel mir seit der ersten Stunde besonders auf. Er war verschlossen, abwesend und saß als einziger alleine an seinem Tisch. Ich suchte Kontakt zu ihm, aber er erwiderte mein Lächeln nicht. Ein paar Tage später gingen Lea und ich die Straße entlang und zufällig trafen wir ausgerechnet ihn. Da ich so lange über ihn nachgedacht hatte, erkannte ich sein Gesicht sofort, freute mich ihn zu sehen und begrüßte ihn fröhlich. Diesmal erwiderte er mein Lächeln zum ersten Mal herzlich. Ein besonderer Augenblick.
(Etwa einmal im Monat schreiben Tobias und ich zu den gleichen Zeitpunkt und zum gleichen Oberbegriff einen Text (nur eben an unterschiedlichen orten) . Der Pastoralreferent Michael und einige Schüler-und Schülerinnen lesen ihn gemeinsam, und denken an uns. Den ersten Text “Lebenszeichen” hatte ich vor etwa einen Monat hier veröffentlicht. Nun , dies ist der zweite Text : Augenblicke )